Kreativität 

– ein Missverständnis?


Bei einer zunächst eher spielerischen Google Recherche ist mir aufgefallen, dass der Begriff »Innovation« um ein Vielfaches häufiger gesucht wird als »Kreativität«.

Als ich daraufhin in Gesprächen meine Nachforschungen vertiefte, kam heraus, dass »Kreativität« mit Kunst und Kultur in Verbindung gebracht wird, »Innovation« eher dem praktischen, dem beruflichen Leben und der Wirtschaft zugeordnet wird. 

Dabei hat der Psychologe J.P. Guilford in seinem berühmt gewordenen Vortrag 1950 vor der American Psychological Association (APA) den Begriff »creativity« (aus dem dann in der deutschen Sprache Kreativität wurde) ausdrücklich aus dem bis zu diesem Zeitpunkt künstlerischen Sprachzusammenhang in die wissenschaftliche Diskussion zunächst der Psychologie eingebracht.

Er lieferte damit die Initialzündung, dass der Begriff immer populärer und in alle Lebensbereiche hineingetragen wurde – schließlich bis hin zur ironisch gemeinten »kreativen Buchführung«. Er arbeitete daran, den mit der Messung des »Intelligenz-Quotienten (IQ)« verbundenen sehr engen Intelligenzbegriff zu erweitern und Kreativität im Gesamtzusammenhang der Mehrdimensionalität eines jeden Menschen zu untersuchen.

Geschichtlich gesehen ist das Wort »creativity« also relativ jung (erstmalig taucht es vor der wissenschaftlichen Betrachtung durch Guilford überhaupt erst 1875 auf (Quelle: Merriam Webster).

Wir sehen in Kreativität die Voraussetzung für jeden Vorgang der originellen Problemlösung, der Ideenfindung, der Neugestaltung, der Entscheidungsfindung in komplexen Situationen.

Kreativität ist also durchaus eine Voraussetzung im künstlerischen Schöpfungsprozess Neues zu gestalten.

Aber Kreativität ist darüberhinaus in allen Lebensbereichen gefragt und notwendig.


Innovationen

sind dann die praktischen Resultate kreativer Prozesse. Ohne Kreativität gibt es keine Innovation. Wer Innovationen realisieren will, muss zuvor seine Kreativität und Fantasie mobilisieren.

Kreativität wiederum kann nicht erlernt werden. Sie ist bereits als Potenzial vorhanden. Sie gehört zur menschlichen Grundausstattung, will aber entfaltet und trainiert werden wie zum Beispiel das Laufen oder Schwimmen. Es ist Zeit, sich vom Mythos des Genies zu verabschieden. Andererseits entspricht es der Alltagsbeobachtung, dass Menschen ihr Potenzial höchst unterschiedlich mobilisieren und ausleben.

Eher verstörend sind auch statistische Untersuchungen, nach denen die Kreativität schon in früher Jugend ihr Maximum (etwa mit 11 Jahren) erreichen soll und danach unaufhörlich abnimmt. Bei Wissenschaftlern wurde der kreative Höhepunkt im Alter von 30 Jahren beobachtet.

Kreativitäts Kurve.png

Doch wie es bei Statistiken so ist, sie erfassen mathematische Verdichtungen und vernachlässigen die Ausnahmen. Es gibt Kreativität jenseits der 30 und wie Brendan Gill in ihrem Buch »The Late Bloomers« anhand von 72 Biographien gezeigt hat auch über 60 und weit darüber hinaus.

Erlauben Sie also Ihrer Fantasie, an Ihre ganz persönliche Kreativität und deren Entfaltungsmöglichkeiten zu glauben.  Versuchen Sie andererseits aber auch nicht, Innovationen hervorzubringen, ohne der Kreativität den nötigen Zeit- und Spielraum zu gewähren. Gehypte Kreativitätstechniken mit »time box« Iterationen und Stoppuhr Mimiken sind nur dann sinnvoll, wenn sie auch genau das Gegenteil von Beschleunigung nämlich Zeit für Spiel und Muße einräumen.


Kreativität 

– gilt als die Schlüsselfähigkeit zur Bewältigung der Zukunft. Nicht ausreichend genutzte Ideenkraft ist die Ursache der meisten schwerwiegenden Probleme, sei es in Unternehmen und Organisationen, sei es privat. Einfache Kreativitätstechniken helfen nicht viel weiter. Kreativität ist kein einzelner, methodischer Akt. Gedanklich Neues zu schaffen ist eine Frage des Bewusstseins, der inneren Einstellung und des persönlichen Umgangs mit Phantasie, Irrationalem und Unlogischem. 

Es gilt, anders wahrzunehmen als gewohnt, Angst zu überwinden und Begeisterung zu entwickeln. Kreativität hat zu tun mit der Bereitschaft, sich Ziele zu setzen und sie mit Commitment zu verfolgen (dem inneren Verpflichtungsgefühl, eine Aufgabe auch wirklich zu bewältigen). Aber genauso wichtig ist die Fähigkeit zu spielen und letztlich ist das Schöpferische im Menschen sehr oft (oder immer?) eine Frage auch des Herzens, der Liebe, der Hingabe.