Zusammenfassung einer Serie von Artikeln

Zu den Wurzeln des kreativen Prozesses

5. Teil der Artikelreihe zum Thema Kreativität: 

Die Phasen III und IV: Sehr oft stößt das Neue auf Abwehr und Hindernisse. Lesen Sie hier, was Sie tun können, damit Ihre Ideen und Vorschläge Realität werden.

Der Übergang von der zweiten zur dritten Phase vollzieht sich fast immer sehr plötzlich, überraschend. Auf einmal funkt der Geistesblitz. Meist, wenn man gar nicht mehr an das Problem oder die Lösung denkt: Morgens unter der Dusche, in der Badewanne, beim Spaziergang oder Spiel mit den Kindern.

Kennzeichnend ist fast immer ein völlig entspannter Zustand. Oft wird exakt beschrieben, dass eine Dominanz von alpha-Wellen den Erregungszustand des Gehirns kennzeichnet. Fast nie passiert das im Stress-Zustand und bei einer Dominaz von beta-Wellen. Das kann hier nur kurz skizziert werden, Sie werden sich gewiss selbst an diesen eigenartigen trance-ähnlichen Zustand erinnern, z. B. wenn Ihnen dann im letzten Moment am frühen Morgen der Party dann doch noch ein Geburtstagsgeschenk eingefallen ist.

Diese Phase kann wenig beeinflusst werden, ähnlich wie die Phase II.

Was jedoch sehr helfen kann ist die Fähigkeit, sich bewusst tief entspannen zu können. Dazu verhelfen die unterschiedlichsten Methoden wie Autogenes Training, Meditation, Yoga, Progressive Muskelentspannung, Geleitete Fantasiereisen usw. Das werden wir bei einer anderen Gelegenheit vertiefen.

Professor Dr. Ronald Cicurel hat auf eine sehr treffende Beschreibung des Momentes der Ideenfindung des Mathematikers Michael Atiyah aufmerksam gemacht:

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»Etwas Verrücktes in der Mathematik ist das Aufblitzen einer Idee im Kopf. Das passiert gewöhnlich im Schlaf, denn da gibt es die geringsten Begrenzungen. Die Idee kommt angeschwebt, der Himmel weiß woher. Sie schwebt herum, du erblickst sie und bewunderst ihre Farben.«

Wenn die Idee gefunden ist, gilt es, in der vierten Phase das Neue auch durchzusetzen. Erst dann kann es wirklich zur Innovation kommen. Von der eigentlichen Kreativität können wir erst dann sprechen, wenn das Neue auch in die Welt kommt, wenn es realisiert wird. Sehr oft wird das Thema Kreativität auf die individuelle Kreativität reduziert.

Die Abwehrgründe des Systems zu verstehen, hilft sie zu überwinden. Nach dem alten chinesischen Sprichwort:

»Wenn Du schnell ans Ziel kommen willst, wähle nicht den direkten Weg.«

Prof. Csikszentmihalyi hat sich neben seiner Flow Forschung sein Leben lang aber auch mit genau diesen Fragen besschäftigt: Warum werden einige kreative Ideen realisiert, andere bleiben bei ihrem Schöpfer und ihnen gelingt nicht die Umsetzung in die Welt?

Wenn Sie also Ihre kreativen Ideen tatsächlich umsetzen wollen, müssen Sie sich mit einigen weiteren Aspekten beschäftigen, die über das Individuelle hinaus gehen, also mit dem gesamten System.

Hier findet Csikszentmihalyi zwei Bereiche besonders wichtig, die er zum einen »Domäne« und zum anderen das »Feld« nennt.

1. Die Domäne

Jede Domäne besteht aus ihren ganz eigenen symbolischen Elementen, eigenen Regeln, hat ein eigenes Bezeichnungssystem: sie ist eine »kleine besondere Welt« (zum Beispiel die Baukunst, in der wir Romanik, Gotik, Renaissance, Klassizismus, Jugendstil, Bauhaus usw. voneinander unterscheiden. Andere Domäne sind ua. die Malerei, die Musik, aber auch die Juristerei, die Mathematik, das Schreinerhandwerk, die Medizin, die Politik usw. usw.).

Unsere gesamte Kultur ist in Domänen organisiert, die auch wieder Unter-Domänen besitzen können.

Domänen können Kreativität in mehrfacher Hinsicht behindern oder fördern – dabei sind drei Elemente besonders bedeutsam:

die Klarheit der Struktur,

die zentrale Stellung innerhalb der Kultur und

die Zugänglichkeit.

Gegenwärtig haben Domänen mit messbaren Ergebnissen meist Vorrang vor nicht-messbaren. Es kommt so zu der paradoxen Situation, dass es in Domänen, die relativ banal, aber leicht zu messen sind, eher zu auffälligen Neuentwicklungen kommt, als in anderen, sehr wichtigen, in denen aber das Neue komplexer ist.

Um innerhalb einer Domäne Neues zu erschaffen, muss man zunächst alles Bestehende kennen. Man kann nicht in einer Domäne kreativ sein, zu der man keine Verbindung hat: Man muss die Regeln kennen, einen Überblick über das vorhandene Wissen haben und Zugang zu den inneren Strukturen und Prozessen. Es gilt, einer immer dynamischer wachsenden Menge von Informationen Aufmerksamkeit zu schenken.

Je weiter eine Kultur voranschreitet, desto schwieriger wird es, mehr als einen einzelnen Wissensbereich zu beherrschen. Früher von einer Person beherrschbare Domänen sind längst in Unterdomänen aufgespalten worden, es entsteht höchst spezialisiertes Wissen.

Die Konsequenzen liegen auf der Hand: Kreative Entwicklungen in einer bestimmten Domäne sind nur dann möglich, wenn ein Überschuss an Aufmerksamkeit vorhanden ist, wenn sich die Aufmerksamkeit der Menschen nicht ausschließlich auf die Sicherstellung ihres Überlebens konzentrieren muss. Es gehört offensichtlich ein gewisser gesellschaftlicher wie geschäftlicher sowie individueller Ressourcen-Reichtum dazu, die nötigen Spielräume für das spielerische, divergente, schöpferische Denken zu schaffen.

2. Das Feld – die Torwächter und Experten

»Kreativität ist jede Handlung, Idee oder Sache, die eine bestehende Domäne verändert oder eine bestehende Domäne in eine neue verwandelt.

Ein kreativer Mensch ist eine Person, deren Denken oder Handeln eine Domäne verändert oder eine neue Domäne begründet – was aber nur mit der expliziten oder impliziten Zustimmung des dafür verantwortlichen Feldes geschehen kann.«

(Csikszentmihalyi)

Ein kreativer Mensch muss sich nicht zwangsläufig von anderen unterscheiden – was zählt ist die Tatsache, ob sein kreatives Werk anerkannt und in die Domäne aufgenommen wird.

Damit eine Idee Wirkung zeigen kann, muss sie in Begriffe gekleidet werden, die für andere verständlich sind; sie muss von den Experten im Feld anerkannt und schließlich in ihre jeweilige kulturelle Domäne aufgenommen werden.

Das Feld beschreibt alle Personen, die den Zugang zur Domäne überwachen. Sie treffen die Entscheidung, ob eine neue Idee oder ein neues Produkt in die Domäne aufgenommen wird. Sie sind gewissermaßen die »Gatekeeper«, die »Torwächter« der Domäne.

In der Domäne der Musik gibt es Wettbewerbe, Dirigenten, Musikverlage und Veranstalter von Konzerten, die entscheiden, wer gehört werden wird. In den Unternehmen wird diese Rolle von den Führungskräften je nach ihrer hierarchischen Autorität und ihrem persönlichen Akzeptanzgrad für Neues einerseits und ihres am Unternehmen orientierten Verständnisses  für die Balance zwischen konservativen, sichernden und die Zukunft gestaltenden und Neuerungen schaffenden Kräften andererseits wahrgenommen.

Das Feld ist notwenig, damit man bestimmen kann, ob die Innovation die Aufregung lohnt – nur ein geringer Prozentsatz der zahllosen Neuerungen wird schließlich in die Kultur aufgenommen. Die Kultur muss die meisten Ideen aussortieren, um zu überleben, ansonsten würde sie sich im Chaos auflösen.

Die Experten des Feldes können das Ausmaß der Kreativität in mindestens dreifacher Hinsicht beeinflussen:

•  erstens durch eine entweder reaktive oder proaktive Haltung,

•  zweitens durch die Anwendung eines engen oder weiten Filters bei  der Auswahl von Neuigkeiten und

•  drittens können Felder neue Entwicklungen fördern, wenn sie eine gute Verbindung zum übrigen Gesellschaftssystem haben und fähig sind, Unterstützung in ihre eigene Domäne zu leiten.

Es sind die einzelnen Menschen innerhalb eines Feldes, die entscheiden, wie die Zukunft aussehen wird, keine abstrakten oder anonymen Größen. Wer Neues durchsetzen will, muss sich die Torwächter in seiner Domäne genau anschauen. Ein Großteil wird seine Verantwortung darin sehen, die Stabilität seiner Domäne zu bewahren und sie vor neuem Gedankengut schützen.

 Oft scheitern kreative Menschen mit der Durchsetzung ihrer Ideen daran, dass sie versuchen, ihre Ideen direkt in die Domäne hinein zu tragen. Sie prallen regelrecht an einer Mauer der Abwehr, des Unverständnisses ab, sind frustriert und unglücklich. Ein Verständnis der systemischen Zusammenhänge würde ihnen sehr rasch helfen,  Etwa nach dem alten chinesischen Sprichwort: »Wer schnell ans Ziel kommen will, sollte einen Umweg wählen.«

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Es gibt nämlich immer auch Personen, die etwas weiser sind und einsehen, dass eine Domäne auch der Erneuerung, des frischen Geistes der lebendigen Wandlung bedarf, um überleben zu können.

Um einen kreativen Beitrag zu leisten, muss man nicht nur in einem kreativen System tätig sein, sondern dieses System auch in sich selbst reproduzieren: d.h. die Person muss sich mit den Regeln und dem Inhalt der Domäne ebenso wie mit den Auswahlkriterien und Präferenzen des Feldes, den Sichtweisen der Experten vertraut machen.

Es ist klug, sich dann mit der Person oder den Personen in Verbindung zu setzen und als Verbündete zu gewinne, die die Lebendigkeit der Domäne erhalten und fördern möchten.

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Im Marketing z. B. gilt es also, die Spieler im Feld möglichst rechtzeitig vorab zu identifizieren: wer entscheidet was, wie ist das Entscheidungsmuster der betreffenden Personen, wie stark ist der „Bewahrer“-Anteil in ihnen, wie einflussreich der „Bewegungs“-Anteil? Welche Verbündeten, welche möglichen Gegner gibt es? Wie ist diesen einzelnen Akteuren kommunikativ zu begegnen? Wie kann das Sicherheitsinteresse berücksichtigt und das Innovationsinteresse mobilisiert werden? Auch dies kann hier nur kurz angedeutet werden und bedarf in der praktischen Umsetzung großer Sorgfalt!

Fazit:

Als Merkmale der kreativen Persönlichkeit aber auch jeder Organisation, jedes Unternehmens sind notwendig

•  das persönliche Talent und die individuelle

Durchsetzungskraft (bzw. deren Koordination in dem

jeweiligen Untersystem),


•  der Zugang zur Domäne,


•  der Zugang zum Feld, um das Neue zu erdenken und in die

Welt zu bringen.

Ängste vor Instabilität, vor Chaos und Regellosigkeit ziehen sich wie ein roter Faden durch jede Beschäftigung mit dem Thema Kreativität. Es geht in erster Linie nicht so sehr um ein Mehr an Kreativität, es geht um mehr Mut und weniger Angst vor dem Neuen.

Und die einzige Methode, Ängste zu überwinden, besteht darin, mehr Liebe zu entwickeln. Liebe zur Erkenntnis, zum Wissen, zur Bildung – denn Angst haben wir vor dem Unbekannten.

Wir müssen uns jeden Tag die Frage stellen, wollen wir auch die Liebe zum Fremden entwickeln, das uns bedrohlich erscheint, solange die Distanz groß ist? Und können wir die Empathie und Liebe zum individuellen Menschen realisieren, der mehr ist als ein Produktivitätsfaktor und eine Kennzahlengröße?

6. Artikel – Noch einmal separat:

Der Entscheidungsprozess