Zusammenfassung einer Serie von Artikeln

Zu den Wurzeln des kreativen Prozesses

4. Teil der Artikelreihe zum Thema Kreativität:

Phase II des kreativen Prozesses:

Die Inkubationsphase

In der vierten Folge nähern wir uns nun den Geheimnissen der Phase II des kreativen Prozesses.

Kurz noch einmal sämtliche vier Phasen:


I. Aufgabenstellung, Analyse, anfängliche Lösungssuche
II. Inkubationszeit
III. Geistesblitz, Idee, Erleuchtung
IV. Umsetzung, Realisierung

Wir haben uns sehr ausführlich mit der  Phase I beschäftigt aus zwei Hauptgründen:


1. Ist es der Teil des Prozesses, den wir am stärksten durch aktives Tun gestalten können.


2. Die Erkenntnis von Forschung und praktischer Erfahrung lautet: Je gründlicher man sich der ersten Phase widmet, desto größer werden die Erfolgsaussichten für ein brauchbares Ergebnis der zweiten Phase.


Und damit ist der kritische Teil der Beschreibung erreicht:
Was genau in der zweiten Phase passiert, bleibt unserer bewussten Einsicht und vor allem auch unserem bewussten Tun weitgehend unzugänglich. Metaphorisch wird diese Zeitspanne mit dem Ausbrüten von Vogeleiern verglichen. Ein Hühnerei wird etwa 20 Tage lang ausgebrütet und bleibt dabei in Form und Farbe völlig unverändert. Etwa um den 21. Tag platzt dann die Schale auf und ein kleines Küken mit Flaumfedern, Trappelfüßchen und Knopfaugen bahnt sich seinen Weg nach draußen. Ohne dass man von Außen irgendetwas mitbekommen hat, haben im Inneren wundersame Entwicklungen stattgefunden und neues Leben ist entstanden. Die Glucke hat in der ganzen Zeit nur dafür gesorgt, dass die Außentemperatur stabil bleibt und dass das Ei von Zeit zu Zeit bewegt wurde.  

Ei Inkubationsphase.png

 

Menschen greifen für diese Phase zu Formulierungen wie:
»Schwanger gehen« mit dem gesammelten Material,
»Heranreifenlassen« der Lösung »Ausbrüten« der Lösung »In sich arbeiten lassen«.


Es hat sich immer wieder bewährt, nach der intensiven Vorbereitung Abstand von den Lösungsbemühungen zu gewinnen und die nächste Phase der Arbeit einfach den verborgenen Fähigkeiten des Gehirns (oder wie Schiller es ausgedrückt hat »der Seele«) zu überlassen. Irgendwann ist die zweite Phase abgeschlossen, die Lösung ist »ausgebrütet« und die dritte Phase meldet sich urplötzlich mit dem »Geistesblitz«, der Idee, der Lösung, der »Erleuchtung«.


Da die Zeitdauer dieser zweiten Phase jedoch nie voraussehbar oder planbar ist, wurden im Zeitalter der Beschleunigung seit Mitte des 20. Jahrhunderts zur Verkürzung der Inkubationsphase und zur Verbesserung der Lösungen zahlreiche Kreativitätstechniken bzw. -methoden entwickelt.

(Sprachlich sehr ungenau werden hier die Begriffen »Techniken« und »Methoden« synonym verwendet. Methodisches und Technisches geht hier fließend ineinander über und ein drittes Wort ist noch nciht gefunden. Wir sind halt hier im Bereich der Kreativität, die sich manchmal an der sprachlichen Exaktheit reibt. Stören Sie sich also beim Lesen nicht daran, dass mal von Methoden, mal von Techniken die Rede ist. Eigentlich ist es weder das Eine noch das Andere so ganz genau sondern eher eine Kunst.)


Mit Ausnahme des Morphologischen Kastens nach Zwicky, der bereits in der ersten Phase des kreativen Prozesses eingesetzt werden kann, dienen diese Methoden in erster Linie einer Intensivierung der Aktivitäten der nonverbalen Hemisphäre, einer Reduzierung der Störungen durch kritische Aktivitäten der sprachlichen und vor allem einer besseren Kommunikation zwischen beiden Hemisphären und wirken sich daher erst in der zweiten Phase wirklich aus. Sie können die gründliche Vorarbeit der ersten Phase nicht ersetzen, was aber oft verkannt wird. So wird bei Auftauchen eines Problems schnell eine »Brainstorming-Sitzung« einberufen und mehr oder weniger munter drauflos diskutiert. Das hat mit der eigentlichen Kreativitätsmethode Brainstorming aber überhaupt nichts zu tun und in aller Regel werden auch keinerlei kreative Lösungen aus diese Weise erreicht.

Brainstorming muss, wie die meisten anderen Techniken auch, sehr regelstreng eingesetzt werden, sonst bleibt man auf der Ebene, in der das Problem entsanden ist, der »Ochsenwurf« gelingt nicht und nach Watzlawick, der das in seinem Buch »Lösungen« ausführlich dargestellt hat, verschlimmert man die Situation nur und schafft möglicherweise immer schwierigere Problemlagen. Ein zumindest grobes Verständnis der Vorgänge im Genirn kann hier allerdings weiter helfen.


Die in den frühen 60er Jahren des letzten Jahrhunderts aufgrund von oberflächlichen Wahrnehmungen der sogenannten Hemisphärenforschung aufgestellte Behauptung, der nichtsprachliche Teil des Großhirns (in unserer Kultur bei den meisten Menschen das rechte Großhirn) sei für die Kreativität zuständig, musste schnell wieder fallen gelassen werden. Eine fixe Lokalisierung der Kreativität ist angesichts der vielfältigen und komplexen Prozesse völlig abwegig. Auch eine alleinige Verortung im Großhirn würde die Einflüsse des Limbischen Systems und womöglich weiterer Regionen der vertikalen Strukturen bis hin ins Stammhirn außer Acht lassen.


Ausschlaggebend für stärkere oder schwächere Ausprägungen von Kreativität scheinen nach heutigem Stand vor allem die Fähigkeit zur bewussten tiefen Entspannung zu sein (die durch Stress-Situationen ausgelöste Produktion von Substanzen, die den Informationsfluss zwischen den Nervenzellen hemmen oder blockieren verhindert in der Regel kreative Lösungen) und die Frage wie stark oder schwach sich aufgrund komplexer psychischer Konstellationen ein risikofreudigeres, regelbrechendes oder ein sicherheitsorientiertes und regelkonformes Haltungsmuster entwickelt hat.


Hier liegt noch ein riesiger Raum für weitere Forschungen vor uns, so dass wir diese ungeklärten Aspekte rasch wieder verlassen, da es uns in dieser Reihe ja um die praktischen Lösungen geht. In Bezug auf ganz praktische Fragen hat uns die Wissenschaft allerdings in den letzten Jahrzehnten durchaus brauchbar Erkenntnisse  darüber geliefert, welche Faktoren kreative Lösungen eher fördern und welche sie eher be- oder verhindern.


Die zumeist aus der Praxis entwickelten sogenannten Kreativ-Techniken oder -Methoden erhielten so im Nachhinein sinnvolle Begründungen.

Konvergentes und divergentes Denken

Ein Beispiel ist die Unterscheidung eines konvergenten von einem divergenten Denkstil. Beim konvergenten Denken sind die Anstrengungen darauf gerichtet, möglichst rasch auf den Punkt zu kommen, eine schnelle Lösung, eine Entscheidung herbei zu führen. Beim divergenten Denken im Gegensatz dazu, geht es darum, derart an eine Aufgabe heran zu gehen, dass möglichst viele unterschiedliche Lösungsmöglichkeiten herausgefunden werden, bevor es zu einer Entscheidung kommt.

Beide Denkstile haben Vor- und Nachteile. Zu schnell eine Lösung herbei zu führen kann bedeuten, eine qualitativ gute Lösung noch gar nicht gefunden zu haben, so dass später ständig Nachbesserungen erforderlich werden oder sich die Lösung gar als untauglich erscheint. Meistens werden auf diesem Weg auch gar keine kreativen Lösungen (im Sinne des 2. Grades nach Watzlawick) erzeugt sondern Pseudoinnovationen. Der Vorteil des konvergenten Denkens ist ein rasches Vorgehen und das Erzielen schneller Ergebnisse. So wird auch gleich ein Hauptnachteil des divergenten Denkens deutlich: es kostet Zeit und divergente Denker sind meist in der Lage, Entscheidungen völlig zu vermeiden, weil es ja immer noch eine bessere Lösung geben könnte. Der Vorteil des divergenten Denkens liegt aber auch gerade hier: durch die Unzufriedenheit mit den schnell auf der Hand liegenden Ergebnissen wird die Chance erheblich erhöht, tatsächlich etwas Originelles, etwas qualitativ wirklich Neues und Besseres zu erfinden.


Meistens sind Menschen auf den ein oder anderen Denkstil festgelegt und haben erhebliche Vorbehalte gegenüber Menschen, die den entgegengesetzten Denkstil pflegen. Das ist eine der Hauptursachen für Konflikte. Der konvergente Denker fühlt sich in seinem Vorgehen vom divergenten genauso schwerwiegend gestört wie der divergente vom konvergenten.


Die eigentlich hoch kreativen Menschen können zwischen den Denkstilen je nach Prozessphase wechseln und machen das meist ganz intuitiv.

Betrachten wir den Einsatz der beiden Denkstile im Verlauf des kreativen Prozesses:

In der ersten Phase kommt es auf die Problemdurchdringung und Definition der gesuchten Lösung an: Konvergentes Denken.
In der Inkubationsphase (II.) und in der Findungsphase (III) kommt es auf das divergente Denken an, um dann in der Phase IV wieder konvergent Entscheidungen zu fällen und die Realisierung der Lösung zu bewerkstelligen.

Konvergenter - Divergenter Denkstil D.png

Eine gute Führungskraft oder ein Team in Selbststeuerung sollte also tunlichst Menschen beider Denkstile zusammenbringen. Es ist dann eine Frage guter Moderation, vorab diese Zusammenhänge bewusst zu machen. Im Prozess kommt es dann darauf an, dass jeder Denkstil sich in der passenden Phase genügend klar und deutlich einbringen kann und die Opposition sich trotz widerstrebender Emotionen zurück hält. Sie kommt dann ja im nächsten Schritt wieder zum Zuge.


So ist die Regel beim Brainstorming sich mit Kritik zurück zu halten und möglichst viele Lösungen in hohem Tempo zu produzieren genau dazu entwickelt worden, um den divergenten Denkern den nötigen »Spiel-«Raum zu gewähren. Leider wird in 90% der Fälle genau diese Regel nicht eingehalten und das sogenannte Brainstorming wird ein Pseudobrainstorming mit ausufernder Diskussion. Hier zeigt sich, dass mechanisch eingesetze Kretivitätsmethoden ohne ein tieferes Verständnis der Hintergründe nicht nur keinen Nutzen bringen sondern sogar (bei den Beteiligten) Schäden anrichten können. Die divergenten Denker ziehen sich nach mehreren derartiger Erfahrungen zurück und die kreativen Potenziale der Menschen wie der Methode bleiben ungenutzt.


Damit sind wir schon bei den Methoden und Techniken angelangt, die beim kreativen Prozess eingesetzt werden können. Sie haben zwei Ziele:


zum einen können sie die Vielfalt und Qualität der Lösungsmöglichkeiten erhöhen,
zum anderen den Prozess der Inkubation beschleunigen.


Wirkungsmächtig werden die Methoden, wenn es gelingt, nach der zunächst erforderlichen Betonung auf die vornehmlich analytischen, logischen, sequenziellen und strukturierten Vorgehensweise (die bei den meisten Menschen in unserer Kultur in der linken Großhirnhemisphäre entwickelt wird) auf eine stärkere Betonung der analogen, metaphorischen, bildhaften, simultanen, paradoxen, nicht-logischen Denkoperationen umzuschalten (die bei den meisten Menschen in unserer Kultur in der rechten Großhirnhemisphäre lokalisiert werden).

Um Missverständnisse auszuräumen: Es sind immer beide Hemisphären (und viele weitere Hirnbereiche) involviert. Es geht nicht um ein ausschließliches Entweder / Oder, sondern um eine stärkere Dominanz der einen oder der anderen Seite, eine Steigerung oder Abschwächung der jeweiligen Aktivitäten bei gleichzeitiger Erhaltung eines balancierten Hin- und Her-Austausches über den Verbindungsstrang, das Corpus Callosum, zwischen beiden Hemisphären.


Wir müssen uns dabei immer vor Augen halten, dass es für das Gehirn eine enorme Herausforderung darstellt, aus dem gewohnten sequenziellen, logischen, sprachlich dominanten Denken in das nicht-logische, simultane, bildhafte, paradoxe Denken umzuschalten. Erinnern wir uns an die Geschichte mit dem Ochsenwurf und der erläuternden Problempyramide: Jetzt kommt es darauf an, aus der Ebene, in der man sich bisher bewegt hat bzw. in der das Problem steckt, in eine der logisch und hierarchisch darüber liegenden Ebenen hinein zu springen.


Hier lauert die Angst vor dem Ungewissen, dem Neuen, dem Risiko. Kreativität zu zu lassen, heißt in erster Linie, Mut zum Neuen zu entwickeln.


Aufgrund der besonderen psychischen Komponenten der Inkubationsphase (Unruhe, Frustration, Minderwertigkeitsgefühle, Eindruck persönlicher Inkompetenz bis hin zu extremer Spannung, Verschiebungs-, Vermeidungs-, Fluchtstrategien – z. B. Produzieren eines anderen Problems, Schwarzer-Peter-Spiel, Leugnung etc.) geben viele in diesem Stadium auf.


Kreative Menschen dagegen zeigen Frustrationstoleranz, Geduld, Ausdauer, kontinuierliche Spannungswechsel zwischen weiterem intensivem Bemühen und völligem Loslassen, »Abschalten«, Delegieren des Problemlösens an das Unbewusste (oder, um in diesem Zusammenhang eine andere Metapher zu gebrauchen, »die nonverbale Hemisphäre«).


So fördern die besten Kreativitätstechniken  nicht nur das Zusammenspiel beider Großhirnhemisphären sondern auch die Zusammenarbeit zwischen vorderen und hinteren Hirnbereichen durch Überwindung von Angstblockaden, Wahrnehmungsfiltern und zu starken Widersprüchen von alten gespeicherten Erfahrungen und notwendigen neuen Sichtweisen und Inhalten.

Das Geheimnis der Kreativität ist längst nicht gelüftet. Wir wissen allenfalls etwas mehr über die Umstände, die Kreativität eher zulassen. Dieses Wissen müssen wir uns aber auch aneignen und nutzbar machen.

Der gedankenlose Einsatz von Kreativitätstechniken hilft nicht viel weiter. Kreativität ist kein einzelner, methodischer Akt, was oft gerade von denen verkannt wird, die auf der öffentlichen Bühne aus einer gewissen Knopfdruckmentalität heraus mehr Innovation fordern, selbst aber wenig Bezug haben zu den sensiblen, komplexen, für den schöpferischen Menschen psychisch oft mit einer Achterbahn extremer Gefühle – von tiefer Frustration und Depression bis zur freischwebenden Euphorie – verbundenen persönlichen Grenzsituationen beim schöpferischen Denken.

Gedanklich Neues zu schaffen ist auf der individuellen Ebene eine Frage des Bewusstseins, der inneren Einstellung und des persönlichen Umgangs mit Phantasie, Irrationalem und Unlogischem.

Es gilt, anders wahrzunehmen als gewohnt, Angst zu überwinden und Begeisterung zu entwickeln.

Kreativität hat zu tun mit der Bereitschaft, sich Ziele zu setzen und sie mit Commitment (dem inneren Verpflichtungsgefühl, eine Aufgabe auch wirklich zu bewältigen) und Ausdauer zu verfolgen. Aber genauso wichtig ist die Fähigkeit zu spielen und letztlich ist das Schöpferische im Menschen sehr oft (oder immer?) eine Frage auch des Herzens, der Liebe, der Hingabe.

Wenn Kreativität gefordert wird, ist es notwendig, den Raum zu schaffen, in dem sich »das Schöpfungswerk der Seele« (Schiller) entfalten kann. Auf jeden Fall förderlich ist es, eine freundschaftliche Beziehung zur visuellen, emotionalen, sinnlichen, synthetisierenden, ganzheitlichen Hemisphäre aufzubauen.

Dies alles vorausgeschickt stelle ich Ihnen jetzt gleich die beiden empfehlenswertesten Methoden vor, Falls Sie aber an Methodenvielfalt interessiert sind und Sie sich ein weitergehenden Verständnis aneignen wollen greifen Sie zu dem übersichtlichen aber mit praktischen Hinweisen vollgepackten Taschenbuch meines Kollegen, Co-Autors und Freundes Hendrik Backerra »Kreativitätstechniken«, erschienen in der Pocket Power Reihe des Hanser Verlages zum Preis von € 10,00   Link zur Bestellmöglichkeit durch Anklicken  (aber denken Sie auch an die Bestellmöglichkeit im lokalen Buchhandel).

Kreativitätstechniken Backerra.png

 

Hier erfahren Sie auf 122 Seiten alles darüber, wann, zu welchem Zweck und mit wem (z. B. in Gruppen oder solo) welche Technik passend ist, wie sie einzussetzen sind, mit welchen Hindernissen man rechnen muss und wie sie zu überwinden sind. Es würde den Rahmen meines Beitrages sprengen, das hier alles zu schildern zumal es ja Hendrik Backerra schon bestens gelungen ist.

Nun die beiden Methoden, die sich im Laufe der Jahre in meiner eigenen Praxis durchgesetzt haben. Für die Arbeit in einer Gruppe ist es die 6 – 3 – 5 Methode, für die individuelle Arbeit das Mind Mapping.

Beide Techniken sind ohne größeren Aufwand jederzeit einsetzbar und der Materialaufwand ist mit ein paar Bögen DIN A 3 Papier überschaubar.

Die Methode 6 – 3 – 5

Für die Arbeit in Gruppen hat sich eine schriftliche Form des Brainstormings durchgesetzt, die die oben geschilderte Problematik vermeidet, dass sich durchsetzungsstarke konvergente Denker zu sehr artikulieren und störend auswirken. Im Unterschied zum mündlichen Brainstorming wird kein Moderator benötig. Es reicht, wenn eine Person in der Gruppe für die methodische Durchführung zuständig ist, die sich mit der Methode auskennt.

Der Name der Methode leitet sich daraus ab, dass 6 Personen jeweils 3 Ideen nebeneinander in ein vorgegebenes Raster auf dem DIN A 3 Bogen eintragen und dazu jeweils 5 Minuten Zeit haben. Danach wird der Bogen an den Nachbarn weitergereicht.

Sie können die Methode auch mit 7, 5 oder 4 Personen durchführen (in diesen Fällen müssten Sie das Raster dann selbst der Gruppengröße entsprechend anpassen), kleinere oder größere Gruppengrößen haben sich nicht bewährt. Bei größeren Gruppen (ab 8 Personen) arbeiten halt mehrere Gruppen parallel.

Auch bei der 6 – 3 – 5 Methode können Sie nicht auf Phase I verzichten! Je nach Komplexitätsgrad und Vertrautheit der Beteiligten mit der Ausgangslage und dem gewünschten Ergebnis wird ein Zeitraum von 1 Stunde bis zu anderthalb Tagen benötigt. Dafür ist die eigentliche Sitzung extrem kurz. Die reine Mathematik führt bei 6 Personen mit jeweils 5 Minuten Spielraum für das Aufschreiben der Ideen zu insgesamt 30 Minuten mit einem Gesamtoutput an rund 100 Ideen. Davon sind rund 80 % völlig unbrauchbar (!) und aus dem Rest ergeben sich mit ziemlicher Sicherheit 2 - 5 richtig gute neue Ideen oder Lösungsmöglichkeiten (!!!).


Wenn die Analysephase abgeschlossen ist, muss eine für alle Beteiligten eindeutig verständliche Aufgaben- bzw. Lösungsdefinition schriftlich vorliegen.

Beispiel von Hendrik Backerra:
»Welchen zusätzlichen Service können wir als Möbelspedition unseren Kunden anbieten?«


Die Teilnehmer sitzen rund um einen Tisch und jeder hat das DIN A 3 Blatt mit dem Raster vor sich liegen. Nachfolgend ein Link zu einer PDF Vorlage:

Das Raster besteht aus 3 Spalten mit 6 Zeilen (oder je nach Teilnehmerzahl 7, 5 oder 4 Zeilen).
Zusätzlich gibt es eine Kopfzeile in der die Aufgabenstellung eingetragen wird. Außerdem können hier (fakultativ) die Teilnehmer der Sitzung eingetragen werden.

 

Eine Person wird für die  zeitliche Leitung des Prozesses gewählt. Sie kann mit einem Glas oder sonstwie akustisch alles 5 Minuten ein Zeichen geben. Alle werden aufgefordert – und das ist äußerst wichtig !!!! – lesbar zu schreiben, damit die Ergebnisse von allen gelesen werden können.

6-3-5 Bild.png

Mit dem ersten akustischen Signal wird der Prozess gestartet und jeder hat 5 Minuten Zeit, nebeneinander 3 Lösungsvorschläge in sein Raster einzutragen. Nach 5 Minuten ertönt das nächste Signal und das Papier wird nach rechts weiter gegeben. Von links bekommt jeder nun ein Blatt, auf dem bereits drei Ideen vom Nachbarn zur Linken stehen. Diese werden durchgelesen und dann werden in die zweite Zeile wieder drei Ideen eingetragen. Diese können wieder ganz eigene Ideen sein, aber es können auch Abwandlungen, Varianten oder Ergänzungen der bereits darüber stehenden Ideen sein. Wieder stehen 5 Minuten zur Verfügung.

(Wenn jemandem gar nichts einfällt, macht er einen Querstrich. Da dies aber auf die Dauer peinlich wird, wenn man seinem Nachbarn lauter Striche weiter leitet, erhöht sich der Druck, »irgendwelche« Ideen aufzuschreiben. Zumal die zur Verfügung stehende Zeit von Zeile zu Zeile immer geringer wird, da man ja erst einmal liest, was alles schon auf dem Blatt steht. Irgendwann wird dann auf Logik verzichtet und Paradoxes, »Verrücktes« und Absurdes bricht sich Bahn. Es kommt bei dieser Methode auf Menge nicht auf Qualität an. Es reicht ja, wenn unter den 100 Ideen eine einzige wirklich brauchbare hervor sticht.)

Es kann sich mitunter im Prozess herausstellen, dass bei besonders kniffliger Ausgangslage oder bei ausführlicheren Ideenbeschreibungen auf dem Raster die 5 Minuten nicht ausreichen. Hier sollte dann der Zeitstrukturierer ab der 4. oder 5. Zeile die Vorgabe auf 6 oder 7 Minuten ausdehnen. Diese Person kann ja neben der eigenen Ideenproduktion durchaus das Schreibverhalten der anderen im Auge behalten. Diesen Hinweis aber bitte nur als Ausnahme verstehen. Der generelle Druck sollte aufrecht erhalten bleiben. Das Ganze muss aber spielerisch ablaufen und darf aus den erwähnten Gründen nicht in Stress ausarten!

Nach 6 Runden zu je 5 Minuten sind die Blätter vollgeschrieben. Wegen einiger leerer Felder sind es in der Regel nicht die rechnerisch möglichen 108 sondern meist ca. 100 Ideen. Diese wollen nun
ausgewertet werden.

Am besten macht man eine Pause zwischen aktivem Teil und der Auswertung, damit jeder Abstand von seinen eigenen Ideen gewinnt.

Dann werden die Bögen noch einmal im Kreis herumgereicht, jeder liest sich sämtliche Ideen durch und kennzeichnet die Ideen mit einer einfachen Einstufung. Zum Beispiel (–) für »unbrauchbar«,  (!) für »eventuell brauchbar nach weiterer Bearbeitung«, (+) für »sieht sehr brauchbar aus«.

Danach können die einzelnen Ideen auseinander geschnitten und entsprechend ihrer Einstufung auf drei Felder auf dem Tisch sortiert werden. Die als unbrauchbar eingeschätzten werden weggeworfen, mit den beiden anderen Gruppen, die nun sehr übersichtlich geworden sind (meist nicht mehr als 15 - 20 Ideen) setzt sich die Gruppe weiter auseinander und trifft eine Entscheidung über das weitere Vorgehen.

Dabei kann das folgende Frageschema helfen:

Abschluss des kreativen Prozesses:

Der Entscheidungsprozess:

a) Die Lösungsideen müssen das Ziel tatsächlich erreichen können. Nicht geeignete Lösungsideen entfallen

b) Die Mittel, die benötigt werden, müssen vorhanden oder unter realistischen Gesichtspunkten und in absehbarer Zeit beschaffbar sein.
Gegebenenfalls sind – wenn bei allen Lösungsideen in gleicher Weise die Mittel fehlen – die Phasen I – III des kreativen Prozesses zu wiederholen.


c) Die Lösung muss nicht nur sachlich, sondern auch zeitlich die Zielerreichung sicherstellen. Lösungsideen, die nicht im Rahmen der Zielerreichung liegen, entfallen.


d) Feststellen, mit welcher Sicherheit die verbleibenden Lösungsideen das angestrebte Ziel erreichen. Die Lösungsidee, die die größte Sicherheit der Zielerreichung bietet, ist die Lösung.


e) Die Mittel sollen das Ziel so vollständig wie möglich erreichen. Die Lösungsidee, die den höchsten Zielerreichungsgrad bietet, ist die beste Lösung des Problems.


Häufig ergibt sich die beste Lösung aus der Kombination mehrerer Bestandteile verschiedener Ideen.


Nach der Entscheidung heißt es dann:
Handeln:


»Es gibt nichts Gutes – außer man tut es!« Erich Kästner


Nach einer gewissen Zeit: Kontrolle und Bewertung des Ergebnisses (»Erfahrungen sammeln ...«).

 

Mind Mapping

Die zweite Kreativitätsmethode, die sich außerordentlich bewährt hat, ist das von Tony Buzan in den siebziger Jahren entwickelte Mind Mapping.

Hier werden die Ideen so wie sie kommen bildhaft auf Ästen und Zweigen festgehalten, die sich aus einem Baumstamm aus der Vogelperspektive betrachtet nach allen Seiten ausdehnen. Diese Methode ist zwar inzwischen vom Bekanntheitsgrad weitgehend verbreitet, wird aber praktisch nur selten eingesetzt. Grund dafür ist meiner Beobachtung nach, dass sie fast immer viel zu oberflächlich vermittelt wird. Das möchte ich hier vermeiden. So sei die Methode hier nur mit einer ersten Abbildung kurz demonstriert. Eine gründliche Einführung ist in Vorbereitung und wird in einem späteren gesonderten Beitrag an dieser Stelle geliefert.

Mind+Mapping+Florida.png

Weitere effektive Kreativitätsmethoden sind zum Beispiel die 6-Hüte Methode in Verbindung mit dem Lateralen Denken nach de Bono, die sehr aufwendige aber in Fällen, wo man sonst nicht weiter kommt, außerordentlich effektive Methode der Synektik (erfordert aber einen mit der Methode sehr erfahrenen Moderator und erheblichen Zeitaufwand), die Osborn-Checkliste (sehr oft in der Werbung und in der Produktinnovation als sehr schnelle Methode verwendet) sowie der schon erwähnte Morphologische Kasten. Es gibt im technischen / Ingenieurbereich sehr raffinierte komplexere Methoden. Hier sei noch einmal auf das Taschenbuch von Hendrik Backerra (»Kreativitätstechniken«) sowie auf die Publikationen (neben anderen) von Helmut Schlicksupp und Horst Geschka, sowie Martina Schwarz-Geschka verwiesen, die in den siebziger, achtziger und neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts erheblich zu den Innovationschüben in Deutschland beigetragen haben, aber  nun zunehmend in Vergessenheit geraten. Es lohnt sich, diese Ressourcen frisch zu halten.

Fortsetzung:

5. Teil der Artikelreihe zum Thema Kreativität: 

Die Phasen III und IV: Sehr oft stößt das Neue auf Abwehr und Hindernisse. Lesen Sie hier, was Sie tun können, damit Ihre Ideen und Vorschläge Realität werden.