Zusammenfassung einer Serie von Artikeln

Zu den Wurzeln des kreativen Prozesses

3. Teil der Artikelreihe zum Thema Kreativität:

Wie schafft das Gehirn »Ochsenwürfe« und wie können Sie ihm dabei helfen?

Wie kommen derartige Sprünge, originelle Einfälle, Ideen, schöpferische Lösungen zustande? Über Jahrhunderte machte man in unserer Kultur zunächst im antiken Griechenland die Musen, dann im Christentum Gott für das Schöpferische verantwortlich. Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Entstehung von Ideen selbst zum Gegenstand wissenschaftlicher Überlegungen. Nach ersten Ansätzen von Helmholtz und Poincaré veröffentlichte Graham Wallas 1926 sein grundlegendes Buch zum schöpferischen Denken: »The Art of Thought«. In diesem Buch beschrieb Wallas das Prozesshafte der Ideenfindung und entwickelte seine Vorstellung von vier Phasen, die nacheinander, wenn auch in höchst unterschiedlichen Zeitmaßen, ablaufen. John W. Haefele hat in seinem Werk »Creativity and Innovation« eine sehr praktische Umsetzung dieser Erkenntnisse für die Alltagsarbeit entwickelt, 1976 erschien dann »Creativity – the Magic Synthesis« von Silvano Arieti, das letzte Werk zu diesem Thema, das sich auf Literaturstudien und empirische Beobachtungen stützte. Nahezu zeitgleich erschienen dann die ersten Veröffentlichungen, die einen ganz neuen Abschnitt der Auseinandersetzung mit diesem großen Thema einleiteten. Gehirnforscher wie Roger Sperry, Michael S. Gazzaniga, Joseph E. und Glenda M. Bogen, Klaus Hoppe und viele andere führten die Asymmetrien beider Großhirnhälften in die Kreativitätsdiskussion ein.

Unter pragmatischen Gesichtspunkten ist es nach wie vor nützlich, sich an dem 4 Phasen Modell von Wallas zu orientieren, auch wenn diese Phasen nicht unbedingt scharf voneinander zu trennen sind und sich auch einmal überlappen oder nebeneinander ablaufen können.

Die praktische Durchführung des Problemlösungsprozesses

Die vier Phasen des kreativen oder des problemlösenden Prozesses (nach Wallas):

I.   Aufgabenstellung, Problemformulierung,

     Grundidee, anfängliche Lösungssuche

II.  Inkubationszeit

III. Geistesblitz, Idee, Erleuchtung

IV. Umsetzung, Realisierung

 

Phase I des kreativen Prozesses:

Aufgabendefinition, IST-/SOLL-Analyse, erste Lösungsversuche

Die Literatur ist sich einig: 50 % eines Problems sind gelöst, wenn die angestrebte Lösung sprachlich exakt definiert ist. Und es gilt nach wie vor der (mehreren kreativen Geistern zu geschriebene) Satz: Kreativität ist 90 % Transpiration und 10 % Inspiration. Von nichts kommt da gar nichts. Das werden Sie spätestens merken, wenn Sie wirklich mit den Arbeitsblättern arbeiten.

Aber immerhin können Sie dann wenigstens sicher sein, dass Sie Ihre Inspiration bestmöglich angeregt haben mit einer sehr gut strukturierten und höchst effizienten Methodik.

In dieser Phase kommt es zunächst vor allem darauf an zu klären, was herausgefunden, welches Problem gelöst werden soll. Erst dann wird es wichtiger herauszufinden, wie das Gewünschte erreicht, wie das Problem gelöst werden kann. Hier wird sehr oft der zweite Schritt vor dem ersten gemacht, was den ganzen Prozess schon zu Beginn ins Schleudern bringen kann. Als Stichworte für mögliche Aktivitäten in dieser Phase seien genannt:

Materialsammlung, analytisches Strukturieren, Rückgriff auf bekannte Lösungen, Einsatz des fachlichen Know-how, Diskussionen, logisches Überlegen, Internetrecherche, interne/externe Datenbanken, Zusammenstellung von Parametern und verschiedenen Ausführungsmöglichkeiten im Morphologischer Kasten usw.

Es erfolgt eine gründliche Problemdurchdringung und -formulierung, die Vorstellung vom Erstrebten wird anschaulicher, es kann eine grobe Problemidentifikation erfolgen, sehr wichtig ist aber auch das Herstellen einer emotionalen Verbindung mit der gesamten Thematik, falls diese nicht schon von vornherein vorhanden sein sollte (etwa nach dem Motto: “Not macht erfinderisch”).

Bewährt hat sich die Arbeit in der ersten Phase in zwei Schritten:

A:  Analyse der Ausgangssituation (Ursachen und Hintergründe),

B:  Analyse des gewünschten SOLL-Zustandes.

Für Ihre eigene Arbeit haben wir etwas weiter unten im Text die entsprechenden Arbeitsblätter als PDF bereitgestellt.

 

A: IST-Analyse:

1.    Was sind die einzelnen Elemente der Ausgangssituation?

2.    Welche Beziehungen bestehen zwischen diesen Elementen?

3.    Welche Ursachen und Entwicklungen haben zu dieser Situation geführt?

 4.    Veränderungsanlass oder -grund? Was spricht dafür, diese Situation zu ändern?

B: SOLL-Analyse:

1.     Was will ich eigentlich?

            (Gegebenenfalls: Was will mein Auftraggeber eigentlich?

            Frage: »Welcher Zweck soll erreicht werden?«

2.    Was ist mir (gegebenenfalls dem Auftraggeber) wichtig?

            (Schaffen von Prioritäten innerhalb einer

möglicherweise umfangreichen Zielsetzung.)

3.    Welchen Nutzen soll die Lösung wem bieten?

            (Diese Schlüsselfrage muss in jedem Fall gründlich

beantwortet werden. Sie kann

            bei knapper Zeit oder einer überschaubaren

Ausgangssituation gegebenenfalls

            die anderen Fragen der IST/SOLL Analyse auch ersetzen)

4.    Welchen Nebenbedingungen muss die Lösung gehorchen?

            (Zeitvorgaben, Finanzbudget, gesetzliche Vorschriften,

interne Regelungen usw.)

 5.    Welche Folgen hat die Zielerreichung?

           (Bei mir, bei Beteiligten, bei Unbeteiligten, für die

Welt, ökologische Konsequenzen usw.)

Aus dieser Analyse kann sich eine neue, modifizierte Aufgabendefinition ergeben. Sollte das der Fall sein, ist bei Problemlösungen für Dritte ein Rückbriefing beim Auftraggeber zwingend erforderlich.

Nach – und manchmal auch schon während – der Analysephase startet man mit der Suche nach Lösungsansätzen:

Sammeln von Informationen, Daten, Fakten (objektives Material) Generierung von Lösungsansätzen (subjektives Material).

Dies ist eine sehr anstrengende Zeit und wer sich diese Mühe nicht macht sondern ohne die Vorarbeit gleich irgendeine Kreativitätstechnik wie ein Zaubermittel einsetzen will, begibt sich auf einen höchst unprofessionellen und im Endeffekt wenig effektiven und schon gar nicht effizienten Weg. Die beiden einzigen Methoden, die in dieser Phase schon Sinn machen, sind der »Morphologische Kasten« und vor allem das »Mind Mapping«. (Wir kommen auf die Kreativitätstechniken im nächsten Artikel zurück, denn ihr Einsatz gewinnt in der zweiten Phase dann Bedeutung.)

In der ersten Phase ist man zumeist recht guter Stimmung, voller Entdeckerlust und optimistisch eine Lösung zu finden. Gelingt dies bereits dann auch in dieser ersten Phase, handelt es sich (im Sinne Watzlawicks) um eine Lösung ersten Grades. sie beruht auf vorhandenem Wissen, Erfahrungen und Knowhow, das sich während dieser Arbeit erschlossen oder zusammen gefügt hat. Insofern kann hier noch gar nicht von Kreativität im eigentlichen Sinne gesprochen werden, da nichts wirklich Neues geschaffen wurde.

Wenn man allerdings nach einiger Zeit den Eindruck immer stärker gewinnt, dass man zu keiner Lösung gelangt, schlägt irgendwann die Stimmung um. Man fühlt sich der Herausforderung nicht mehr gewachsen, das Problem scheint unlösbar, das Selbstwirksamkeitsgefühl schwindet, ja Frustration bis hin zur Verzweiflung können die Oberhand gewinnen.

Das ist ein deutliches Zeichen dafür, dass nun der Übergang in die zweite Phase erfolgt, in der dann das Neue im wahrsten Sinne des Wortes »ausgebrütet« wird. Die sich dann abspielenden mentalen und emotionalen Prozesse bleiben uns im Wesentlichen verborgen und so brauchen wir eine Menge »Frustrationstoleranz« (wie die Psychologie das nennt), um diese eher trübsinnige und manchmal gar depressive Zeit durchzustehen. Aber auch für diese »Inkubationsphase« gibt es Möglichkeiten der Gestaltung und auch einer gewissen Einflussnahme.

Zur praktischen Umsetzung habe ich hier ein Arbeitsblatt (als PDF) für die Erste Phase zum Herunterladen vorbereitet.

ARBEITSBLATT PHASE 1 DES KREATIVEN PROZESSES

Jetzt erst schlägt die Stunde der Kreativitätstechniken und -methoden. Dazu dann mehr im nächsten Artikel.

Fortsetzung:

4. Teil der Artikelreihe zum Thema Kreativität:

Phase II des kreativen Prozesses:

Die Inkubationsphase