Zusammenfassung einer Serie von Artikeln

Zu den Wurzeln des kreativen Prozesses

»Die notwendigen oder erwünschten Veränderungen schaffen«

2. Teil der Artikelreihe zum Thema Kreativität:

Der Prozess der Ideenfindung

Wir hatten den Unterschied von Veränderungen innerhalb eines Systems einerseits und der Veränderung des Systems selbst andererseits betont. Paul Watzlawick hatte damit zusammenhängend von Veränderungen ersten und zweiten Grades gesprochen und auf die Gefahren hingewiesen, die darin liegen, wenn man immer »mehr desselben« auf der ersten Ebene probiert.

Wenn man merkt, dass man mit Veränderungen ersten Grades nicht zu einer wirklichen Lösung kommt, ist es Zeit für den »Ochsenwurf«, die Lösung zweiter Ordnung.

Hilfreich zum besseren Verständnis kann das Betrachten der nachfolgend abgebildeten Pyramide sein. Sie verdeutlicht eine Hierarchie unterschiedliche Ebenen. Auf jeder dieser Ebenen kann es zu Problemen kommen. »Problem« ist hier auf eine spezifische Weise definiert: Das Problem besteht darin, dass bei einer vorhandenen Lücke zwischen der gegenwärtigen IST-Situation (mit der man nicht zufrieden ist oder die sogar bedrohlich ist) und einer erwünschten zukünftigen SOLL-Situation die Ideen oder Mittel fehlen, um diese Lücke zu schließen.

PROBLEMEBENEN

In dieser Abbildung verbinden wir Überlegungen von Paul Watzlawick mit dem Konzept von Wolfgang Mewes, dem Urheber der EKS (Engpass Konzentrierten Strategie).

Jedes Problem lässt sich auf einer oder auch mehrerer dieser Ebenen lokalisieren. Es kann aber auch von jeder dieser Ebenen hinsichtlich der darunterliegenden Ebenen zu Lösungen kommen. Sie können also, in dieser Abbildung das Wort »Probleme« jeweils durch das Wort »Ebene« ersetzen wie Sie auch, sobald Sie vom Lösungsansatz ausgehen, immer auch das Wort Ebene durch »Lösungen« austauschen können. Daraus folgt als Denk- und Arbeitsprinzip:

Lässt sich ein Problem nicht innerhalb der Ebene lösen, in der es entstandenen ist, so ist es sinnvoll, eine Lösung von einer höheren Ebene aus anzugehen.

Pyramide.png

 

Das von Watzlawick herangezogene Beispiel der Belagerung der Burg Hochosterwitz weist eine Problemlage auf der unteren Ebene (1) auf, ein Mangel an Nahrung (= Stoffliches Problem).

Zunächst wurde das Problem mit einer Lösung erster Ordnung angegangen: Die Nahrungsrationen pro Tag und Person wurden gekürzt.

Doch dann waren die Vorräte so stark aufgebraucht, dass nur noch der Ochse und zwei Sack Getreide übrig blieben.

In diesem Moment hat der Burgherr zu einer Lösung zweiter Ordnung Zuflucht genommen: Er hat von der 6. Ebene aus eine Psychologische Lösung gefunden. Durch das Herunterwerfen des Ochsen (und der in seinem Bauch eingenähten Getreidesäcke) hat er die Psyche der gegnerischen Soldaten verwirrt. Sie begannen an der Führungsqualität ihrer Feldherrin zu zweifeln und die Gräfin selbst verlor die Hoffnung, die Burg noch erobern zu können. Sie zog mit ihrem Heer von dannen, um sich anderen Eroberungen zuzuwenden.

Was sich aus unserer heutigen Sicht ganz lustig liest, war damals ein mutiger Akt: Den letzten verbleibenden Nahrungsvorrat einfach weg zu werfen, ist schon eine ziemlich verrückte, paradoxe und unlogische Maßnahme. Innerhalb der ersten Systemebene: sparsamer Umgang mit den vorhandenen stofflichen Mitteln nicht denkbar.

Ein anderes, klassisches Beispiel: Der Beschluss der OPEC Staaten im Herbst 1973 die Ölproduktion zu drosseln, führte zu einer unmittelbaren Erhöhung der Ölpreise um 70% und dann im Laufe des folgenden Jahres zu einer Vervierfachung (von damals 3$ auf 12$), bis es sich schließlich für einige Zeit etwa auf eine Verdoppelung einspielte. Die Folgen waren Rezession, negative Grundstimmung, Arbeitslosigkeit, Kurzarbeit, Insolvenzen. Als Konsequenz der dann staatlicherseits ergriffenen Maßnahmen der Konjunktur-steuerung im Sinne Keynes und entsprechender geldpolitischer Maßnahmen kam es zu folgenschweren weiteren Krisen mit den Anzeichen einer Stagflation.

Fahrverbot 164276024_201702171015_full.jpg

Ursprüngliche Problem-Ebene: »1. Stoffliche Probleme« (Rohölknappheit)

Lösung ersten Grades (= auf der 1. Ebene): Im Westen wurden neue Ölquellen angebohrt, neue Ölfelder gesucht. Energiesparmaßnahmen auf allen Ebenen wurden eingeleitet.

Lösungen zweiter Ordnung: 2. Ebene »Technik«:

Entwicklung neuer Verbrennungsmotoren mit wesentlich niedrigerem Verbrauch und neuer Brenner in Heizungen, bessere Wärme-Isolierung von Häusern, Erschließung neuer Energiequellen (Solarenergie, Wärmepumpen usw.) usw.

4. Ebene »Finanzen«:

Benzin- und Heizölpreise wurden erhöht. Steuerliche Vergünstigungen bei Energiesparmaßnahmen wurden eingeführt.

5. Ebene »Information«:
Breit angelegte Verbraucheraufklärung über die Bedeutung der Endlichkeit fossiler Energiequellen

6. Ebene: »Psyche«:

Starke psychologische Beeinflussung der Bevölkerung durch das Sonntagsfahrverbot u.a. in Deutschland und die Einführung eines autofreien Tages pro Woche in Österreich.und der Schweiz.

 

Und für Sie ganz praktisch: Wenn Sie auf irgend einer Ebene nicht weiter wissen: dann versuchen Sie es bitte dort auch nicht länger sondern erlauben Ihrem Geist Höhenflüge auf eine oder mehrere der anderen Ebenen. Die Lösungen kommen übrigens immer von den höher liegenden Ebenen, nicht von denen, die unterhalb der Problemebene liegen. Damit da keine Missverständnisse aufkommen.

Der sprachliche, sequentiell arbeitende Teil unseres Gehirns ist allerdings mit derart paradoxen und unlogischen Gedankensprüngen überfordert. Daher werden wir uns beim nächsten Mal mit der Frage beschäftigen, wie Sie die fantasiereichen, in Bildern denkenden, nicht logischen, simultan arbeitenden Anteile in Ihrem Gehirn mobilisieren können, damit Sie selbst auch »Ochsenwurf- Ideen“, also Lösungen zweiten Grades produzieren können. Es ist nämlich weder nötig, noch überhaupt möglich, diese Sprünge durch zielgerichtetes Denken zu ermöglichen.

Daher wäre ein unsachgemäßer Einsatz von Kreativitätstechniken kontraproduktiv oder gar schädlich. 

Im Verlauf des gesamten kreativen Prozesses gilt es, diesen Zwischenschritt einzulegen, gelassen auf Findungsprozesse in der Tiefe des eigenen Gehirns zu vertrauen und nicht beschleunigend eingreifen zu wollen.

Unser Gehirn ist durchaus in der Lage, die Sprünge nach oben zu schaffen, die passende Ebene zu finden. Insofern ist eine Einsicht in die inneren Prozesse so hilfreich: Wir können die notwendige Geduld mit uns selbst (und hoffentlich auch mit anderen) so besser aufbringen. Nach diesen Vorbereitungen können wir im nächsten Artikel Ihre Ausdauer damit belohnen, dass verraten wird, wie dem Gehirn »auf die Sprünge« geholfen werden kann. Klingt jetzt wieder paradox. Aber das Einlassen-Können auf Paradoxes ist eine der wichtigsten Voraussetzungen für die Mobilisierung der persönlichen Kreativität.

Fortsetzung:

3. Teil der Artikelreihe zum Thema Kreativität:

Wie schafft das Gehirn »Ochsenwürfe« und wie können Sie ihm dabei helfen?