Zusammenfassung einer Serie von Artikeln

Zu den Wurzeln des kreativen Prozesses

»Die notwendigen oder erwünschten Veränderungen schaffen«

Mit dieser umfassenden Einführung besitzen Sie das Knowhow, Ihre kreativen Ressourcen wirklich zu nutzen.

1. Teil der Artikelreihe zum Thema Kreativität:

Von Kreativität sollten wir erst bei »Lösungen Zweiter Ordnungen« sprechen.

2. Teil der Artikelreihe zum Thema Kreativität:

Der Prozess der Ideenfindung

3. Teil der Artikelreihe zum Thema Kreativität: Wie schafft das Gehirn »Ochsenwürfe« und wie können Sie ihm dabei helfen?

4. Teil der Artikelreihe zum Thema Kreativität: Phase II des kreativen Prozesses – Die Inkubationsphase

5. Teil der Artikelreihe zum Thema Kreativität: Die Phasen III und IV: Sehr oft stößt das Neue auf Abwehr und Hindernisse. Lesen Sie hier, was Sie tun können, damit Ihre Ideen und Vorschläge Realität werden.

Einleitung: Kreativität und FLOW

Prof. Csikszentmihalyi hat gezeigt, dass sich die glücklichen, stimmigen Momente unseres Lebens in einem relativ schmalen Spielraum zwischen dem großen Feld von Überforderung einerseits und dem großen Bereich von Routine, Langeweile, also Unterforderung ereignen.

Flow Bild:  Beispiel eines Bergsteigers, der beim Aufstieg auf einen 1.400 m hohen Berg genau seine Leistungsgrenze zunächst erreicht und flow erlebt, nach einigem weiteren Training und erfolgreichen Aufstiegen dann auf einmal keine weiteren flow Erfahrungen mehr macht, da seine Fähigkeiten gewachsen sind und er aus der Balance zwischen Herausforderungen und Fähigkeiten herausgewachsen ist. Wenn er sich dann aber überfordert und zum Beispiel in Nepal einen 6.000er besteigen will, scheitert er, weil die Herausforderung noch zu groß ist.

Flow Bild: Beispiel eines Bergsteigers, der beim Aufstieg auf einen 1.400 m hohen Berg genau seine Leistungsgrenze zunächst erreicht und flow erlebt, nach einigem weiteren Training und erfolgreichen Aufstiegen dann auf einmal keine weiteren flow Erfahrungen mehr macht, da seine Fähigkeiten gewachsen sind und er aus der Balance zwischen Herausforderungen und Fähigkeiten herausgewachsen ist. Wenn er sich dann aber überfordert und zum Beispiel in Nepal einen 6.000er besteigen will, scheitert er, weil die Herausforderung noch zu groß ist.

Wenn wir die ersten Gespräche mit Teilnehmern unserer Seminare oder mit Coachingklienten führen, finden diese sich in aller Regel in einem der beiden Bereiche wieder: entweder belastet sie blockierender Dauer-Stress oder sie sind in eine Routine geraten, die von wachsender unangenehmer Langeweile gekennzeichnet ist. Veränderung ist angesagt, aber eben leichter gesagt als getan. Wie findet man einen praktikablen Ausweg, die richtige Lösung in der aktuellen Lebenssituation? Den Kopf in den Sand zu stecken hieße auf die eigene Lebendigkeit zu verzichten. Etwas Neues zu wagen erfordert aber nicht nur Mut sondern auch ein Wissen um das Finden von  Lösungsmöglichkeiten, die Mobilisierung der eigenen kreativen Ressourcen.

Dazu reicht ein mechanischer Einsatz von Kreativitätstechniken nicht aus. Sie machen Sinn, aber erst dann, wenn wir verstehen, warum, wann und wie wir sie einsetzen. Wir beginnen daher heute mit einer Reihe von Beiträgen, mit denen wir das Geheimnis der Kreativität entschlüsseln wollen – jedenfalls in dem Maße, wie es nach dem heutigen Stand der Erkenntnisse möglich ist. Der wissenschaftliche Erkenntnisstand über das Zustandekommen neuer Ideen ist noch relativ gering. Aber in den letzten Jahrzehnten haben die Forscher zumindest eine ganze Menge herausgefunden, was die Kreativität fördert und vor allem, was sie einschränkt oder gar blockiert. Daraus können eine Reihe von nützlichen Schlussfolgerungen gezogen werden. So sollen unsere Beiträge eine Brücke bauen von den Erkenntnissen der Forschung in die Umsetzung von Tag zu Tag im beruflichen wie privaten Alltagsleben.

1. Teil der Artikelreihe zum Thema Kreativität:

Von Kreativität sollten wir erst bei »Lösungen Zweiter Ordnungen« sprechen.

Paul Watzlawick hat den Unterschied von Lösungen erster und zweiter Ordnung beschrieben und stellt seinem (zusammen mit John H. Weakland und Richard Fisch verfassten und wesentlich auf Gregory Batesons Überlegungen fußenden) Buch »Lösungen« eine höchst aufschlussreiche Geschichte voran:

»Als die Gräfin von Tirol, Margareta, genannt Maultasch, im Jahre 1334 die Kärntner Burg Hochosterwitz, die hoch über dem Talboden einen steilen Felskegel krönt, einschloss, war es ihr klar, daß die Festung nicht im Sturm, sondern nur durch Aushungerung bezwungen werden könne. Im Laufe der Wochen wurde die Lage der Verteidiger dann auch kritisch, denn ihre Vorräte waren bis auf einen Ochsen und zwei Säcke Getreide aufgebraucht.

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 Doch auch Margaretas Lage war inzwischen schwierig geworden: die Moral ihrer Truppen verlotterte, das Ende der Belagerung war nicht abzusehen. Zudem hatte sie sich noch andere, viel versprechende militärische Ziele gesetzt. In seiner Zwangslage entschloss sich der Verteidiger der Burg zu einer Kriegslist, die seinen eigenen Leuten selbstmörderisch erscheinen musste; er befahl, den letzten Ochsen zu schlachten, seine Bauchhöhle mit dem verbliebenen Getreide voll zu stopfen und ihn dann über die steile Felswand auf eine Wiese vor das feindliche Lager hinunterzuwerfen. Wie erhofft, überzeugte diese höhnische Geste Margareta von der »Zwecklosigkeit«, die Belagerung fortzusetzen, und sie zog ab. Die Burg war gerettet.«


WIE KÖNNEN SIE DIE OCHSENWURF GESCHICHTE VON PAUL WATZLAWICK FÜR SICH SELBST NUTZEN?


Es ist eine fantastische Möglichkeit, sich aus einer vertrackten Situation mit einem Schlag zu befreien. Auch dort, wo es nach einer Sackgasse aussieht, wo man nicht weiter weiß, gibt es immer eine Möglichkeit. Vor der praktischen Umsetzung sollten Sie zuerst diesen wichtigen Unterschied möglicher Lösungen und Veränderungen kennen lernen.

Die Ochsenwurf Geschichte steht nicht allein da. Anhand einer Vielzahl ähnlicher Beispiele machen Watzlawick und seine Co-Autoren deutlich, dass Veränderungsprozesse sehr häufig plötzlich, überraschend passieren und auf unlogischen, paradoxen Einfällen beruhen. Soweit wird sich das mit Ihrer eigenen Lebenserfahrung decken.

Interessant ist, dass die Autoren herausgefunden haben, warum das so ist und daraus Schlussfolgerungen ermöglichen, die ganz konkreten Nutzen für Ihre Alltagsaufgaben bieten können.

Die entscheidende Erkenntnis besteht darin, dass es zwei Arten von Veränderungen gibt:

Die eine findet innerhalb eines bestimmten Systems statt, das selbst unverändert bleibt, während das Eintreten der anderen Veränderung das System selbst verändert.

Wer einen Alptraum hat, kann in seinem Traum alles Mögliche versuchen: Fliehen, sich verstecken, sich wehren, aus dem Fenster springen usw.; doch führt bekanntlich kein Wechsel von einem dieser Verhalten zu einem anderen zur Lösung des Alptraums. Die Verfolger lassen sich nicht abschütteln. Die Lösung liegt im Wechsel vom Träumen zum Wachen. Erwachen ist aber nicht mehr ein Element des Systems Traum, sondern eine Veränderung in ein ganz anderes System hinein, das des wachen Bewusstseins. Es findet ein Überwechseln in einen ganz anderen Zustand statt.

Da es sprachlich für diese unterschiedlichen Veränderungsprozesse keine Ausdrucksmöglichkeiten gibt, sprechen die Autoren von einer Veränderung oder einem Wandel erster Ordnung, wenn es um den Wechsel von einem internen Zustand zu einem anderen innerhalb eines als solches unverändert bleibenden Systems geht. Beispiel hierfür sind die Veränderungsmöglichkeiten der Geschwindigkeit bei einem bestimmten eingelegten Gang durch mehr oder weniger Gasgeben.

Ein Wandel oder eine Veränderung zweiter Ordnung liegt dann vor, wenn das System selbst eine Veränderung erfährt (wenn also im erwähnten Beispiel ein anderer Gang eingelegt wird, der das Ausfahren eines anderen Geschwindigkeitsbereichs ermöglicht).

Aristoteles schloss derartige Veränderungen noch kategorisch aus, indem er behauptete:

». . . weil es ja nicht Bewegung von Bewegung und Werden von Werden gibt und überhaupt nicht Wandlung von Wandlung«. Sein Antipode Heraklit sah das bereits anders, indem er z. B. darauf hinwies, dass es unmöglich sei, zweimal in den gleichen Fluss zu steigen und feststellte: »Aller Wandel ist widersprüchlich; daher ist der Widerspruch das Wesen der Wirklichkeit«.

Arthur N. Prior hat dann die Entwicklung des Begriffs der Veränderung wie folgt beschrieben:

»Ohne große Übertreibung könnte man sagen, dass die moderne Wissenschaft begann, als man sich mit dem Gedanken einer Veränderung von Veränderung vertraut machte, also zum Beispiel mit der Idee der Beschleunigung im Gegensatz zur bloßen Bewegung.«

Warum ist diese Unterscheidung so wichtig?

In Analogie zur mathematischen Gruppentheorie einerseits und zur Logischen Typenlehre, der Mengenlehre, andererseits, machen die Autoren deutlich, wie Veränderungsbemühungen innerhalb einer Gruppe mit Veränderungen der ersten Ordnungsstufe nur zu immer mehr von demselben führen können. Möglicherweise (und in der Praxis häufig) das Problem also verschlimmern statt zu lösen.

Veränderungen innerhalb einer Gruppe müssen von außen, von einer Metaebene herbeigeführt werden, sind definitionsgemäß damit also Veränderungen zweiter Ordnung.

Jeder Wandel zweiter Ordnung muss sich folgerichtig aus dem Ordnungsgefüge der ersten Ebene herauslösen, eine Diskontinuität beinhalten oder zu einem logischen Sprung führen, so dass davon ausgegangen werden kann, dass die praktischen Manifestationen jedes Wandels zweiter Ordnung so unlogisch und paradox erscheinen, wie die Entscheidung des Kommandanten der Burg Hochosterwitz, seine letzten Nahrungsmittel wegzuwerfen, um der Aushungerung zu entgehen. Derartige Veränderungen zweiten Grades machen die spezifische Qualität kreativer Lösungen aus.

So einleuchtend das klingt, so schwierig kann das Unterscheiden beider Veränderungsprozesse in der Praxis sein. Das Außerachtlassen dieses Unterschiedes und die sich daraus ergebende Konfusion der beiden Formen des Wandels kann daher zu Lösungsversuchen führen, die nicht nur die gewünschte Änderung nicht herbeiführen, sondern das zu lösende Problem vollends unlösbar machen. Kreativität ist dann also nicht nur wünschenswert sondern zwingend notwendig.

Dies vorausgeschickt wird nun deutlicher, was Sie machen können, um Veränderungen zweiter Ordnung zu kreieren.

Höchste Zeit für die Auflösung der »Ochsenwurf-Geschichte«

Fortsetzung:

2. Teil der Artikelreihe zum Thema Kreativität:

Der Prozess der Ideenfindung